Matrosen auf Sternfahrt (2 jähriger Sohn, Verdacht hb?)

Einfach nur über sich und seine Kinder erzählen
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Senzwiebelchen
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Matrosen auf Sternfahrt (2 jähriger Sohn, Verdacht hb?)

Beitrag von Senzwiebelchen »

Hallo zusammen!

Ich bin erstaunt darüber, wie lange es dieses Forum schon gibt (fast so alt wie ich selbst) und dankbar darüber, wie gut es sich halten konnte, denn so konnte ich hier zufällig landen! :-)


Wir sind Eltern eines Sohnes der knapp zwei ist - Also noch viel zu jung für irgendwelche Diagnostiken. Und trotzdem hatten wir da seit einiger Zeit eine Ahnung, dass irgendetwas "anders" sein könnte mit ihm.

Als er auf die Welt kam, litt er monatelang unter Regulationsstörungen, also das was im Volksmund ja gern "Dreimonatskolik" genannt wird. Zuerst dachten wir, es lag am Kaiserschnitt und dass er einfach noch nicht bereit für die Welt gewesen war und irgendwie erst ankommen musste. Wir haben sogar ein "Rebirthing" Seminar mit ihm durchgemacht, damit er eine natürliche Geburt nachempfinden kann, haben ihm Lefax gegeben, waren bei der Osteopathie und haben einen Haufen Kohle auf der Strecke liegen lassen - Was man halt so macht, wenn man nach 4 Monaten des permanenten Schreiens einfach völlig fertig mit den Nerven ist. :D

Es wurde besser, als er aktiv mehr "gucken" konnte und wir das auch zugelassen haben. (Am Anfang haben wir versucht ihn total von Reizen abzuschirmen, weil das so die gängige Empfehlung mit Schreikindern war) Was viele von euch ja auch beschrieben haben: Sobald das Kind in der Trage war und mehr spannendes sehen konnte, als irgendwelche Zimmerdecken, war es einigermaßen besser. So richtig gut wurde es dann aber erst, als er sich selbstständig drehen und fortbewegen konnte. Das einzige was uns blieb: Grauenvolle Nächte mit wenig Schlaf.

Es folgte eine kurze Zeit in der wir dachten, dass wir jetzt angekommen sind und sich alles eingeschaukelt hat. Bis Sohnemann dann mit einem Jahr in die KiTa kam und sich kognitiv so schnell weiterentwickelt hat, dass wir kaum hinterher kamen. Jetzt mit knapp zwei haben wir glaube ich das erste Mal realisiert, dass er kognitiv wirklich weit ist. Mein Mann hat früher schon das Wort Hochbegabung in den Raum geworfen, was ich lange dementiert habe á das würde man doch jetzt noch nicht merken und Kinder entwickeln sich halt unterschiedlich. Er ist kognitiv eben ein bisschen voraus, dafür können andere Kinder in seinem Alter schon sicher hüpfen oder klettern und Laufrad fahren.
Bei der U7 (18 Monate) haben wir uns dann eingestehen müssen, dass er alle Anforderungen im kognitiven Bereich weit übertrifft und er auf dem Stand eines 2 1/2 - 3 Jährigen Kindes ist. Und dass seine "Trotzanfälle" auch keine klassischen Will-Haben-Trotzanfälle sind, sondern eher Frustanfälle, weil etwas nicht funktioniert oder in sein Weltschema passt. Und zum ersten Mal verknüpfte der Kinderarzt diese Schlafproblematik mit seiner kognitiven Entwicklung. Er hat nichts genaueres dazu gesagt, denn wie völlig klar ist: Für eine Diagnose ist es viel zu früh und vielleicht/hoffentlich verwächst sich das ja auch noch mal... Aber wir haben jetzt eine Überweisung für das SPZ und warten auf unseren Termin, der leider erst in einigen Monaten stattfinden wird. Was und bleibt: Grauenvolle Nächte mit wenig Schlaf.

Mein Partner hat neulich seinen Job verloren (weil man als Mann wohl als zu "unzuverlässig" in DE gilt, wenn man Equal Care Arbeit leistet und das Kind öfter mal von der KiTa abholen und sich Kind-Krank melden muss) und ich habe meine Promotion jetzt erstmal auf Eis gelegt, um mehr dieser Care Arbeit leisten zu können, damit mein Partner wieder die Chance hat, uns Geld ranzuschaffen. (Sch**** System!)
Aktuell sind wir einfach nur völlig fertig von diesem Schlafentzug und den Schreiattacken. Aber wir versuchen es als Reise zu sehen und hoffen, mit diesem neuen "Verdacht" vielleicht einen neuen Kurs einschlagen zu können, der uns in ruhigere Gewässer leitet, weil wir einen anderen Umgang mit der Situation finden oder auch andere Unterstützungsangebote finden.

Wir sind also erstmal nur auf eigene Faust und Selbstrecherche hier und mögen uns mit knapp 2 Jahren wie gesagt nicht anmaßen, zu behaupten dass wir ein hochbegabtes Kind hätten. Aber fast alle Erfahrungswerte mit Kleinkindern aus dem Forum hier können wir 1:1 unterschreiben und fühlen uns zum ersten Mal irgendwie, als gäbe es eine Erklärung für seine Entwicklung und sein Verhalten. Und wie stand hier so schön "bis man es weiß, ob ein Kind hb ist oder nicht, schadet es ihm nicht, ihn erstmal zu behandeln als wäre es hb".

Also danke, dass wir da sein dürfen und von euren Erfahrungen und Erlebnissen profitieren dürfen - In der Hoffnung, dass sich das trotzdem noch rauswächst...
Katze_keine_Ahnung
Dauergast
Beiträge: 1497
Registriert: Do 23. Jan 2020, 09:33

Re: Matrosen auf Sternfahrt (2 jähriger Sohn, Verdacht hb?)

Beitrag von Katze_keine_Ahnung »

Hallo,

Eine Hochbegabung und eine Regulationsstörung sind zwei Paar Schuhe. Sie können auch jeweils einzeln vorkommen. Zwar sind viele Hochbegabte empfindsamer und aufmerksamer, aber bei weitem nicht alle leben in dem Zustand der dauerhaften Überreizung.

Häufig ist die dauerhafte Überreizung das Ergebnis der Reizfilterschwäche. Emotionale und Kognitive gehen wie eine offene Schere weit auseinander. Mangelnde Frustrationstoleranz gehört begleitend dazu. Dem Kind ist auf der kognitive Ebene klar, das es sich falsch verhält, aber emotional kriegt es das nicht anders auf die Reihe. Dadurch leidet das Selbstwertgefühl, die Frustspirale dreht sich weiter nach unten. Kognitive Förderung, vor allem Lesen, Rechnen und verfrühte Beschäftigung mit den Schulthemen lösen das Problem nicht, im Gegenteil sie potenteren die Probleme der Zukunft.

Aus meiner Erfahrung würde ich dem Kind, was das Schlaf betrifft, starken Riegel in der Nacht vorschieben. Es gibt kein Licht von 22 bis 7 Uhr. Nur ein kleiner Nachtlicht, damit man keine Angst vor Dunkelheit bekommt. Schläft er bei euch im Bett? Falls noch nicht, das könnte den Schlaf stabiler machen.

Allein spielen muss er in dem Alter noch gar nicht. Ich weiß, viele Kinder können das, und es ist frustrierend, aber er kann das nicht. Das hat weniger mit Spielbedürfnis, sondern mit Sicherheitsbedürfnis zu tun. Integriere ihn in deinen Alltag, Er soll mit der Wäsche aus der Wachmaschine spielen, wenn du sie ausräumst, mit den Töpfen wenn du kochst, mit dem Staubsauger mitgehen wenn du Staub saugst. Ich bezweifele, dass er irgendwelche Spielimitate akzeptiert, weil sie kein Wasser und Strom haben und damit "kaputt" und uninteressant sind.

Wie sieht es bei euch mit der körperlichen Entwicklung aus? Gibt es da eine Möglichkeit zu beidseitigen Zufriedenheit Zeit draußen zu verbringen? Fahrradtouren durch die Natur (da sieht man viel), planschen im Wasser (können manche Kinder ewig, vor allem mit ein paar funktionalen Zusatzgeräten wie Kanäle und Leitungen). Schaut euch die Sportarten an, die ihr treibt, was könnte er bereits mitmachen? Manche Kinder fahren mit 2,6 bereits Ski oder Rad oder können mit 3 schwimmen, es ist sehr individuell. Sucht seine Erfolgsbereiche und baut sie aus. Leistungssport ist ein super Ventil für die fehlende Auslastung sonstwo, und eine erfolgreiche Teamsportart ist ein 6er im Lotto. Da kann man in die Gruppe dazu gehören, obwohl man sonst mit gleichaltrigen nicht zu viel am Hut hat.

Habt ihr was mit Musik zu tun? Mit 3 kann man mit Geige anfangen. Mit 4 mit Klavier. Manche Kinder nimmt es so mit, dass sie von alleine weiter machen. Viele Kinder lieben mitsingen. Man könnte in den Gruppen der musikalischen Früherziehung nachfragen, ob man bereits früher rein darf. In der Musikwelt darf man sich in seinem eigenen Tempo entwickeln. Da meckert keiner, weil man mit 12 Beethoven spielen kann.

Kunst hat auch großes Potential als Beschäftigungs und Enspannungsfeld. Kauft ein bisschen Matherial und schaut was euch gemeinsam Spaß macht. Es kann nur buntes Papier und Kleber sein.

Ich wünsche euch viel Durchhaltevermögen. Ich weiß nicht, ob SPZ eine richtige Anlaufstelle ist. Es gibt KJP die sich auf Hochbegabung und häufige Begleiterscheinungen spezialisieren. Vielleicht kann euch jemand einen aus eurer Gegend empfehlen.
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