Hallo Koschka,
die Deutsch-Anforderungen an einen Erstklässler können unterschiedlicher nicht sein. In der Schule meines älteren Sohnes gab es in den ersten beiden Schuljahren nur verbale Benotung. Er was in deutsch (inklusive lesen) immer super-gut, aber auch viel schwächere Kinder bekamen da gute Bewertungen. Im ersten Halbjahr erste Klasse war Anforderung, mal die Buchstaben zu kennen und bis Ende der 1. Klasse sollten die Kinder auch ganz einfache Texte sinnerfassend lesen können (solche, wie dein Sohn sie in den Erstlesebüchern nicht mag)..
Mein jüngerer Sohn, gehörlos, autistisch, hat schon im ersten Halbjahreszeugnis überall Ziffern-Noten bekommen. In deutsch war es eine zwei. Ich verstand die Welt nicht mehr. Das Alphabet hatte er schon zwei Jahre vor Schuleintritt vor- und rückwärts beherrscht und alle Groß- und Kleinbuchstaben (in Gebädensprache) perfekt benennen können. Mit seiner Betreuerin (Behinderten-Integrationshilfe) kommuniziert er fast ausschließlich schriftlich, macht ihr Vorschläge, liest Vorschläge von ihr (in Schreibschrift geschrieben), gibt Antworten. Einziges Manko: er macht die typischen Grammatikfehler der Gehörlosen: falsche Präpositionen, falsche Artikel, manchmal doppelt, weil er nicht weiß, was richtig ist. Aber ich kenne KEINEN EINZIGEN erwachsenen Gehörlosen (außer erst nach der Lautsprachentwicklung ertaubte Personen), der nicht zumindest hie und da mal genau SOLCHE Grammatikfehler macht. Warum heißt es "Ich gehe in DIE Schule.", aber "Ich komme aus DER Schule."? Wenn man nichts hört und das nicht von klein auf so aufgenommen hat, kann man das wirklich schwer verstehen. Mein Sohn schreibt halt "Wir gehen zur zum schwimmen." weil er nicht weiß, welche Präposition richtig ist. Und genau auf Grund SOLCHER Fehler hat mein jüngerer Sohn die 2 im Halbjahreszeugnis. Und das nach ALLGEMEINEM SONDERSCHULLEHRPLAN! Hätte ich nicht zwei Kinder wäre mir das vielleicht gar nicht komisch vorgekommen, aber mit dem Wissen, dass beim Bruder nach Regelschullehrplan in derselben Schulstufe das erkennen der Buchstaben für eine gute Note gereicht hat, sehe ich das natürlich anders.
Deutsch ist mMn sowieso das Fach, wo die Lehrer ziemlich allmächtig sind. Man kann auf ein- und denselben Aufsatz bei einem Lehrer eine Eins und beim anderen eine Vier bekommen. Mathe ist in der Hinsicht viel besser. Da kann der Lehrer vielleicht ein paar Punkterl abziehen, wenn nicht alle Nebenrechnungen schriftlich daneben stehen, aber das Endergebnis stimmt entweder oder es stimmt nicht. Und selbst bei den abgezogenen Punkten für die fehlenden Nebenrechnungen würde schnell auffallen, wenn ein Schüler mehr Punkte abgezogen bekommt als ein anderer. Bei deutsch hingegen kann man alles mögliche argumentieren, warum eine Leistung nicht gut ist.
So, aber jetzt genug wegen meinem Sohn gejammert! Tatsächlich ist sein Zeugnis ohnehin egal und ich habe die 2 in deutsch zwar angesprochen, werde mich aber sicher nicht beschweren.
Super, dass dein Sohn jetzt nicht mehr malen muss

. Ich finde gut, wenn Lehrer ihren Schülern Tätigkeiten, die für den Lehrplan gar nicht notwendig sind, aber sehr frustrieren, erlassen. Mein älterer Sohn HASST Ballspiele jeglicher Art. Er hat aber das große Glück dass seine Lehrerinnen erkannt haben, wie schlecht es ihm dabei geht, und er daher nicht mitmachen muss. Die 2 in turnen nehmen wir dafür gerne in Kauf

. Und mit der 2 in Musikerziehung, weil mein Sohn sich geniert, in der Gruppe laut zu singen, können wir auch leben

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Du schreibst, dich stört der Unterschied zwischen dem mathematischen Niveau deines Sohnes und seinen Lesefertigkeiten. Und durch deine Sorge, dass dein Sohn weiterhin wenig Interesse fürs flüssige lesen haben könnte, machst du dir selbst und unbewusst auch ihm Druck. Tatsächlich scheint es für ihn gar nicht so ein Problem zu sein. Seine Infos holt er sich durch vorlesen und CD hören. Wenn er soweit ist, wird er ganz von selbst lesen WOLLEN und es dann in nullkommanix können. Ob das in einer Woche oder erst in einem halben Jahr sein wird, kann dir niemand sagen. Aber ich würde erst mal fünfe grade sein lassen und gar nichts tun. Die Lernziele seiner Klasse erreicht er ja ohnehin. Es ist auch das Recht der Lehrerin, trotz Kenntnis des IQ deines Kindes, bei ihm keinen Vorsprung in deutsch zu sehen. Na, dann hat er halt keinen Vorsprung. Oder er hätte einen, wenn er WOLLTE, was aber auch niemanden weiter bringt.
Ich habe hier ein Kind, welches ständig für geistig behindert gehalten wird, weil Außenstehende nicht erkennen, was es kann. Und wenn ich erwähne, dass dieses Kind normal intelligent ist, dann ernte ich mitleidige Blicke. Die Leute glauben, ich als Mama wollte "es" nicht wahr haben

. Ich habe gelernt, damit zu leben. Ist halt ein gewaltiger Unterschied zum Bruder, der da eher unter die Kategorie "Rampensau" fällt. Das ist auch der Grund für sein "schlechtes" Abschneiden bei IQ-Tests. Mein jüngerer Sohn macht absolut NICHTS, was er nicht selbst irgendwie für sinnvoll und der Mühe wert hält. Er schert sich einen Dreck um die Erwartungshaltung seiner Umgebung. Daher habe ich ein Kind, welches als Erstklässler in der Schule im Mathebuch für die 4. Klasse arbeitet, schwimmen kann, aber noch Tag und Nacht eine Windel braucht

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Alles Gute und versuch einfach, es lockerer zu sehen

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