Momo hat geschrieben:
Die Frage ist, warum geben sich viele Menschen damit zufrieden? Vielleicht weil sie verlernt haben, Fragen zu stellen? Kritisch zu denken?
Wie kommst du drauf dass alle, die das nicht tun/können es "verlernt" haben? Ich kenne etliche Personen die so einfach "gestrickt" sind dass sie es nicht tun. Ich kann und will diese Menschen deshalb nicht abwerten, aber es gibt sie nun mal in großer Zahl. Abgesehen davon frage ich mich ob kritisches denken und Fragen stellen - rein aus der Sicht des überlebens - überhaupt Sinn macht. Oder ob die kritisch denkenden Menschen (zu denen ich mich auch zähle) die Darwinfinken mit den besonders großen Schnäbeln sind, die an den Rand des aussterbens gedrängt werden wenn die Samen so klein werden dass sie Schnäbel sie nicht mehr schaffen...
...wäre ich mit meiner heutigen Einstellung 70 Jahre früher geboren hätte ich in einem Regime gelebt, wo ich stark bezweifle dass kritisches denken und Fragen-stellen die Welt bereichert und mein überleben begünstigt hätte.
Natürlich bin ich froh, in einem Land und einer Zeit zu leben wo kritisches denken wenn schon nicht gefragt, so zumindest ERLAUBT ist. Aber das ist keine Selbstverständlichkeit und ich hoffe wirklich sehr, dass unsere Kinder bis zu ihrem natürlichen Lebensende kritsche denken können und dürfen.
Momo hat geschrieben:
Das Leben kleiner Kinder besteht aus Lernen und Kinder lieben es. Sie stellen unzählige Fragen und sind mit Feiereifer dabei, die Welt zu entdecken und erforschen.
Ja, es gibt Kinder die unzählige Fragen stellen, es gibt aber auch Kinder die nur an wenigen Bereichen der Welt um sie herum Interesse haben. Ich habe einen sehr wissbegierigen Sohn und beantworte seine Fragen bereitwillig. Aber es gibt auch Kinder die WOLLEN gar nicht ständig die Welt entdecken und erforschen. Mein 4 Jahre jüngerer Cousin war so ein Kind. Der hatte weder Interesse an Büchern noch an den meisten anderen Dingen, die ihm "angeboten" wurden. Es war zu einer Zeit, wo es maximal 30min am Tag Kinderprogramm im fernsehen gab und wo Spielkonsolen, Handys und PC noch nicht die Wohnzimmer erobert hatten. Es war auch eine Zeit, wo Eltern bei einem "mir ist so langweilig" bestenfalls gesagt haben "Dann such dir was zum spielen" und sich nicht zum Dauer-Motivierer berufen gefühlt haben.
Ich erinnere mich noch gut an meinen Cousin als Kindergartenkind. Sein Interesse bestand darin, die Autos die am Haus vorbeifuhren, aus dem Fenster zu beobachten, mit Decken im Wohnzimmer unter dem Tisch eine Höhle zu bauen oder mit ein paar alten Ziegelsteinen im Garten ein "Haus" zu bauen. Ach ja, außerdem spielte er noch sehr gerne mit Puppen, da das bei Buben aber damals nicht gerne gesehen wurde musste er sich den Puppenwagen immer vom Nachbarmädchen ausborgen. Das war´s!
Ich habe ihm Bücher vorgelesen, er wollte sie nicht hören. Ich habe versucht, ihm klarzumachen, dass die Kinder in Afrika und Asien hungern und eine Kinderhand voll Reis gemalt um ihm zu verdeutlichen wie wenig das ist. Ich wollte ihn dazu bringen sein Geld (welches er immer gehortet hat) für wohltätige Zwecke zu spenden, so wie ich es mit meinen 8-9 Jahren tat. Und ich erinnere mich an seinen verständnislosen Blick "Warum soll ich mein Geld hergeben nur weil irgendwo auf der Welt Kinder hungern?" war seine Aussage und dann noch "Das interessiert mich doch nicht!".
Heute ist mein Cousin 40 Jahre alt, hat sich selbst ein schönes Haus gebaut, hat eine nette Frau und zwei kleine Töchter, die er sehr liebt (und die er von ganz klein an liebevoll betreut hat) und hortet immer noch sein Geld

. Er interessiert sich nicht für das, was in der Welt passiert, arbeitet seit Jahren an einem Fließband um Geld zu verdienen und ist ansonsten mit seinem Leben recht zufrieden, ohne groß irgend etwas zu hinterfragen. Und ich mag und wertschätze ihn so, wie er ist.
Momo hat geschrieben:
Wenn einige Kinder tatsächlich mehr Führung in der Schule brauchen, dann kann man diese Führung anbieten. Ich habe ja beschrieben, die Schule, die ich für sehr motivierend erachte, bietet einen kombinierten Unterricht an. Es gibt einen bestimmten Schulstoff, der innerhalb eines Jahres gelernt werden muss. Dies wird mit den Kindern besprochen und die Kinder können sich selbst Lernziele in Etappen setzen. Immer mit der Begleitung von Lehrern. Wöchentlich wird ein Bericht von den Lehrern verfasst, was sich der Schüler erarbeitet hat und wie die weiteren Lernziele aussehen. Dieser Bericht wird sowohl mit den Kindern besprochen als auch mit den Eltern ausgehändigt. Die Kider haben zwar die Möglichkeit, den Zeitpunkt innerhalb des Schuljahres selbst zu bestimmen und sich das Wissen selbst oder in gewählten Gruppen oder in Begleitung eines Lehrers zu erarbeiten, doch der rote Faden wird vom Lehrer gelenkt. Der Lehrer hat natürlich den Überblick und zeigt dem Schüler Wege auf, seine Arbeiten selbstständig zu organisieren etc. Ich weiß nicht, was ein Kind besser auf das Leben vorbereitet. Und ich bin sicher, dass die meisten Kinder damit klarkommen und dadurch weiterhin viel Freude beim Lernen empfinden, es sei denn, sie haben Selbstständigkeit und Eigenverantwortlichkeit nie gelernt und auch im Elternhaus wurde immer alles für sie gemacht.
Warte mal ab bis unsere Kinder wirklich in die Schulen gehen, die wir (damit meine ich uns beide und andere hier) sorgfältig nach bestem Wissen und Gewissen für sie ausgesucht haben. Dann haben wir die Gelegenheit selbst mitzuerleben, wie diese Schulen auf unsere Kinder wirken und wo die echten Stärken und Schwächen dieses Systeme liegen. Das, was man auf den Homepages liest und an den "Tagen der offenen Tür" sieht, ist nur EIN Aspekt, das, was dann tatsächlich täglich in den Klassenzimmern abgeht, ein anderer. Ich wünsche mir wirklich für Dich (und auch für mich) dass wir mit unserer Schulwahl richtig liegen, gehe aber trotzdem davon aus, dass alle nur mit Wasser kochen

.
Momo hat geschrieben:
Seid Ihr überhaupt auch der Ansicht, dass sich im Schulsystem dringend etwas ändern muss? Oder seht Ihr das anders? Was müsste sich Eurer Meinung nach ändern? Wie würden für Euch Schulen aussehen, in denen die Kinder gerne lernen?
Ich sehe große Unterschiede zwischen den Schulsystemen von Österreich und Deutschland. In Österreich wird seit Jahrzehnten in Sachen Schule ständig rumprobiert. Es gibt in Ö über 5800 Schulversuche, das heißt dass mehr als die Hälfte der Schulen Schulversuche laufen haben: verbale Beurteilung, Ethikunterricht,"die tägliche Turnstunde", fächerübergreifender Unterricht, Merhstufenklassen,Inklusion, usw.
Vorteil: wenn man das eigene Kind gut kennt und sich mit der Thematik auseinandersetzt kann man mit etwas Glück eine halbwegs zum eigenen Kind passende Schule finden. Nachteil: das Ganze ist schwer überschaubar und wenn man Pech hat bekommt man einen Schulplatz zugewiesen, unabhängig von den eigenen Wünschen und den Bedürfnissen der Kinder,
Weil Inklusion für mich wegen meines jüngeren Sohnes ein Thema ist war ich erst kürzlich auf einem Vortrag über eine Inklusions-Mehrstufenklasse für Kinder mit Hörschädigung. Dort erfuhr ich auch Hintergrund-Fakten die sonst kaum bekannt sind. So werden in Österreich zur Zeit etwa 50 hörbehinderte Kinder "inklusiv" beschult, also im Klassenverband mit hörenden (nicht "behinderten") Kindern und mit ÖGS und deutsch gleichwertig nebeneinander. In Deutschland werden genau 3 hörgeschädigte Kinder inklusiv beschult weil dort in Sachen Inklusion einfach noch kaum was getan wurde und "behinderte" Kinder nach wie vor in Sonderschulen abgeschoben werden

, wo dann ihr weiterer Weg (bestenfalls in einer geschützten Werkstätte) schon bei Schuleintritt vorgezeichnet ist.
Die Schule, die das bietet, was du von Deiner Wahlschule beschreibst (wie es wirklich ist wird sich noch herausstellen) ist z.B. in Wien eine ganz normale städtische Schule (wo eben auch ein paar typisch österreichische Schulversuche laufen

) wo kein Schulgeld zu bezahlen ist. So gesehen ist Deine Frage "Soll sich am Schulsystem überhaupt was ändern?" nicht pauschal zu beantworten weil in D ganz andere Voraussetzungen sind.
Ich empfinde das Schulsystem in Österreich jedenfalls besser und flexibler als in Deutschland, ich glaube zwar nicht dass alle Schulversuche Sinn machen und von Erfolg gekrönt sind, aber es ist zumindest ein guter Ansatz wenn das, was sich motiverte Menschen ausgedacht haben, um Schule besser zu machen, auch umgesetzt wird.
Trotzdem soll sich schon am System etwas ändern. Das betrifft hauptsächlich die Auswahlkriterien für den Lehrerberuf, die Bezahlung von Lehrern und deren Ansehen in der Bevölkerung. Lehrer sollen deutlich besser bezahlt werden und nur die besten, motiviertesten mit echtem Interesse an Kindern und deren Entwicklung sollen genommen werden. In der Lehrerausbildung soll der Individualität der Kinder besonders viel Aufmerksamkeit zukommen und Lehrer sollen schon in ihrer Ausbildung mit verschiedenen Motivationsmethoden und Krisenmanament in der Klassengemeinschaft so vertraut gemacht werden wie mit der Vermittlung des Unterrichtsstoffes.