Nunja, ich denke, Momo hat sich mit dem Schulformen und dem Lernen intensiver beschäftigt und verzweifelt gerade an den Erkenntnissen, die sie daraus gewonnen hat und die für sie so offensichtlich zeigen, dass das verbreitete System zumindest jungen Kindern und dem natürlichen (selbstmotivierten) Lernen an so vielen Stellen zuwiderläuft.
Ich lese da keine "Besserwisserei" heraus, sondern eher Ärger darüber, was mit unseren Kindern da aus dieser Sicht heraus unnötigerweise gemacht wird.
Und wenn sich jemand nach ihren Beschreibungen "schlecht fühlt", dann kann es ja eigentlich nur daran liegen, dass derjenige ganz tief drinnen meint, dass sie womöglich Recht hat... Andernfalls amüsiere ich mich wohl eher über ihren idealistischen, womöglich naiv-romantischen Enthusiasmus.
Ob dem so ist, also dass das freie Lernen wirklich die bessere Wahl ist, da kann man geteilter Meinung sein.
Ich bin da ambivalent. Ich denke auch, dass es wohl (momentan?) nur zu einer bestimmte Art Kind und Eltern passt. (Und auch zu vielen Lehrern eher nicht so gut passt.)
Siehe mein Beispiel mit dem Mittagessen. Die Einhaltung des Lehrplans (1./2. Klasse! Grundschule.), scheint für das Gros die Eltern so viel wichtiger, als dass die Kinder genug Zeit zum Essen haben.
Für MICH ist das ein Unding, ich finde es wichtig - auch unter dem Aspekt des "Lernens fürs Leben" - dass die Kinder sich Zeit nehmen können zum Essen, sich auch noch mal nachholen können, wenn sie noch hungrig sind, nicht Essen nur deswegen entsorgt werden muss, weil die Zeit um ist. (Was bitte lernen sie daraus? Dass in Ruhe essen bzw die körperlichen Bedürfnisse nicht wichtig sind, dass man Essen einfach mal eben entsorgt... dass man zusehen muss, der Erste in der Schlange zu sein, wenn man genug Zeit haben will, dass man sich den Toilettengang lieber verkneift, weil man dann nicht genug Zeit zum essen hat etc pp... und dass all das keiner für irgendwie kritisierenswert hält.)
Ansonsten nehme ich mich auch gar nicht aus von denen, denen das Vertrauen fehlt, dass es so frei immer und für alle Bereiche die ICH für wichtig halte, funktioniert. Siehe Umgang mit dem Instrument. Da fällt es mir ja schwer bwz glaube ich nicht, dass es ganz in der Hand des Kindes liegend funktioniert.
Auch finde ich, sollte ein Kind vielleicht schon irgendwann mal lernen und erleben, dass es auch mal was tun muss, was ihm nicht so liegt und gefällt.
(Allerdings frage ich mich da gleichzeitig: Muss es das wirklich? Oder ist das ein Schranke in meinem Kopf?
Kann es nicht auch funktionieren, wenn man seinen Begabungen und Interessen nachgeht? Und kann es nicht sein, dass die Motivation, die Energie und das Duchhaltevermögen für auch mal unangenehme Sachen größer ist, wenn ein Mensch IM WESENTLICHEN mit sich und der Welt im Reinen ist? Woraus entsteht Innovation, Motivation, Durchhaltevermögen? Aus Zufriedenheit oder eher aus Unzufriedenheit?... Die gleichen Fragen stelle ich mir im Rahmen der Diskussion um das "bedingungslose Grundeinkommen". Dass das funktionieren kann glaubt ja aktuell auch die Mehrheit der Menschen eher nicht... siehe Volksentscheid in der Schweiz)
Ich persönlich denke ja, die Zeit ist einfach noch nicht reif für das freie Lernen bzw ein neue Schulsystem, es gibt zu viele Schranken im Kopf, zu wenig Mut und Vertrauen. Und zu wenig Geld, um so einen "Umsturz" wirklich gut umzusetzen.
Aber ich bin sehr froh, dass es Menschen gibt, die das ausprobieren, das durchziehen, dahinter stehen, sich dafür einsetzen. Whistleblower. Querdenker. Träumer- Sozialromantiker. Wegbereiter...
Und natürlich - zum Glück! - sind so Leute nicht immer nur bequem für "uns andere".
Ich persönlich hoffe schon, dass sich in Zukunft am Schulsystem so einiges noch ändert. (Und tendiere auch dazu, an das Funktionieren des bedingungslosen Grundeinkommen zu glauben...)
Meiner Tochter übrigens tun zumindest aktuell und oberflächlich betrachtet Zensuren z.B. ganz gut - ihr Selbstvertrauen wächst. Sie hat es nun schwarz auf weiß, dass sie nicht so dumm ist, wie sie sich offensichtlich manchmal fühlt.
Ob das ein dauerhafter Effekt ist oder das Schnell-an-sich-selbst-zweifeln nicht in ihrer Persönlichkeit liegt und nur kurzfristig und oberflächlich von einer Bewertung von außen gestützt wird ... das wird sich zeigen.
Grad gestern klagte sie, sie fände sich so dumm. Alle seien schlauer als sie. Ich war froh, mit Hinweis auf ihre Zensuren argumentieren zu können, dass dem gar nicht so sein KANN.
Auf der andern Seite: käme sie bspw. in einer freien Schule denn überhaupt auf so Gedanken, dümmer zu sein als andere?
Wenn sie ihren Interessen und Begabungen nachgeht - würde sie sich selbst nicht nahezu ständig als kompetent erleben?
Mein Kind geht zwar nicht direkt ungern in die Schule, aber sie klagt schon über gewisse Aspekte des Unterrichts. Z.B. dass es langweilig sei, dass es laut sei.
Aber das ist ja sicher nicht so, weil "jeder macht, was er will". Denn wenn jemand das tut, was er will, ist er ja wohl konzentriert dabei, es sei denn, es geht um Sport und sich Auspowern. In einer freien Schule gäbe es dafür ja wohl bestimmte Bereiche, wo das erlaubt ist und nicht stört!
Das mit den unruhigen Kindern wird wohl so sein, weil der Unterricht bzw der Rahmen dafür einfach nicht zu den Bedürfnissen der Kinder passt.
Die Lehrer sagen, die Kinder seien früher anders gewesen. Disziplinierter. Heute könnten sie nicht mehr stille sitzen, würden nicht mehr auf die Lehrer hören, seien weniger sozial.
Das liegt wohl dann also nicht nur an der Schule, sondern auch an den Eltern, dem Alltag zu Hause. Zu wenig Bewegung, zu viel Fernsehen, Computer, zu wenige soziale Erfahrungen.
Das wird schon auch stimmen.
Aber so sieht nunmal der aktuelle Alltag für die Meisten der Kinder aus.
Wäre es nicht schön, wenn die Schule bzw der Staat dem Rechnung trägt, indem er den Kindern einen Rahmen bietet, wo ihren Bedürfnissen Rechnung getragen wird?
Ging es nicht überhaupt u.a. genau darum ursprünglich? Die Schule sollte allen, auch benachteiligten Kindern, die Chance geben, zu lernen, lesen, schreiben, rechnen. In der DDR und in vielen Entwicklungsländern war/ist auch immer das warme Essen dabei.
Weil es für die Gesellschaft wichtig war, dass möglichst viele Menschen möglichst gebildet sind.
Sollte die Schule nicht das ausmerzen, was im Elternhaus eben nicht für alle gleichermaßen zum Wohl der Kinder (bzw eigentlich vor allem langfristig zum Wohl der Gesellschaft) machbar war?
Vielleicht ist es ja auch an der Zeit zu sehen, dass HEUTZUTAGE bspw Naturerfahrungen und soziale Erfahrungen in der Gruppe (die man im Frontalunterricht eher nicht so hat), die die Kinder FRÜHER nebenbei auf der Straße hatten, eben nicht mehr zum Alltag gehören und eben nun das Fehlen
dieser Aspekte unserer Gesellschaft nicht gut tut. So wie früher der Mangel an Bildung.
(Ganz zu schweigen von der sich ebenfalls stark verändernden Abeitswelt, die zu Zeiten der Enwicklung des Schulsytems ja eine ganz andere war.)
Ich erlebe hier ein Kind, was mir daheim fast ausschließlich vom Hort erzählt. Und dem, was in den Pausen ablief.
Inhalte des Unterrichts scheinen nicht so wichtig.
Abgesehen von dem, was in Themen- und Projektwochen gemacht wird.
Da hatten sie z.B. grad das Thema Igel. Alles drehte sich darum. Fächerübergreifend. Und es gab einen Ausflug ins Igelschutzzentrum.
Alle Eltern, mit denen ich sprach, erzählten gleichermaßen, wie die Kinder unglaublich aufgeregt vorher und begeistert hinterher gewesen seien. Und alle Kinder hatten sehr viel zu Hause davon berichtet.
(Ebenso klagen die Eltern, dass die Kinder ansonsten kaum was vom Unterricht erzählen. Da scheint also meine Tochter nicht die Ausnahme... )
Übrigens hat meine Tochter, die ansonsten eher nicht unbedingt "Hans Dampf in allen Gassen" ist und nicht so der Typ für große Gruppen, für mich völlig überraschend nach eben dieser Projektwoche, in der es Gruppenarbeit statt Frontalunterricht gab, plötzlich geäußert: "Am Liebsten würde ich ja die ganze Klasse zu meinem Geburtstag einladen!"
Klingt jetzt sicher für viele erstmal nicht ungewöhnlich, ist es für meine Tochter aber schon. Die Tochter, die im Sommer, als sie für ein Wochenende die Wahl zwischen Klassensommerfest und sogar noch einem Kindergeburtstag versus einem Ausflug in den Tierpark mit der Aussicht, ein Wolfsrudel zu sehen, völlig ohne mit der Wimper zu zucken für die Tiere statt der Feiern entschied.
Ich vermute ja ganz stark, dass die Äußerung unmittelbar damit zusammenhing, dass die Klasse in der besagten Woche so ganz anders und viel mehr miteinander, als nebeneinander her gearbeitet hatte.
Und zum Thema: "in den meisten Schulen geht es gar nicht so "schlimm" vonstatten".
Hier gibt es z.B. besagte Mathelehrerein, die bald in Rente geht.
Die Seite für Seite das Buch abarbeitet, immer im Plan bleibt und so streng ist, dass es wohl recht ruhig im Unterricht ist.
Die Ruhe finden die Kinder erstmal ganz gut.
Auf der anderen Seite hat meine Tochter Angst vor ihr. Sie schimpft wohl immer schnell, wird laut. Sie hat in der ersten Schulwoche der 1. Klasse einen Jungen "zusammengestaucht", weil er im Unterricht in seinem Ranzen wühlte (er wollte wohl ein Taschentuch rausholen), der Ranzen umfiel und es dadurch Krach und Unruhe gab.
Ich kenne den Jungen seit dem Kindergarten - er ist sehr ruhig und sicher kein "klassischer Störenfried".
Dieses Vorkommnis hat dazu geführt, das meine Tochter in der 2. Schulwoche (!) äußerte, Mathe sei doof.
Einmal hat die Lehrerin sie auch bloßgestellt. Ich schrieb schonmal davon glaube ich. Weil sie sich wegträumte, musste sie aufstehen und vor allen eine Kettenaufgabe rechnen. Sie hatte ein falsches Ergebnis, was die Lehrerin ihr dann als Argument unter die Nase rieb, dass sie es sich also offensichtlich nicht leisten könne, nicht aufzupassen.
Kind sagte dazu zu mir: Wie soll ich denn auch richtig rechnen, wenn alle so auf mich schauen?
(Sie hat übrigens keine Probleme in Mathe, findet selbst aber, sie sei "in Mathe nicht gut".)
Eine Freundin von mir, macht als studierte Sängerin bei einem Projekt mit, wo sie in Grundschulen den Musikunterricht begleitet, als zusätzliche Lehrerin im Unterricht.
Sie kannte von ihren 3 Kindern die freie Schule (die beiden älteren wechselten dann aber aufs Gymnasium, der Kleine ist noch im Grundschulalter) und hat dadurch jetzt mal ganz hautnah miterlebt, wie nun der Unterricht in der Regelgrundschule stattfindet.
Sie hatte wohl durchaus auch mal Lehrerinnen, die ihr von der Unterrichstgestalrung her gut gefallen haben.
Aber - und das wesentlich häufiger, sagt sie - viele, viele unschöne Erlebnisse und Beobachtugen gemacht, wo der Untericht genau nach dem Schema stattfindet: Kinder stille halten, drohen, beleidigen, bloß stellen.
"Was soll denn Frau X (meine Freundin) denken, wenn ihr euch so daneben benehmt?"
"Wenn du weiterhin störst, kommst du vor uns singst das Lied mal allen alleine vor" u.ä.
(Das fördert sicher ungemein die Liebe zur Musik und zum Musikunterricht

)
usw usf. Und diese Art des Unterrichts sei wohl - leider - nicht die Ausnahme.
Wer von euch hier kennt solche Sätze nicht auch?
Muss das wirklich ein? Muss man damit leben, darüber hinweggehen?
Ich glaube eigentlich nicht, dass das immer nur inkompetente Lehrer sind, die ihren Beruf verfehlt haben und nicht irgendwann mal auch mit Liebe zu Kindern und ihrem Beruf losgelegt haben.
Vermutlich sind sie irgendwann daran verzweifelt, dass die Art des Unterrichts, die sie geben sollten, eben nicht zu den Bedürfnissen und Interessen der Kinder passt... Und sind dann wohl irgendwann zu den leider zumindest kurzfristig effektiven Methoden wie drohen, schimpfen, disziplinieren übergegangen. (Tw natürlich sehr gut versteckt, wie in so einem dem Satz "Was soll denn X denken...")
Aber ist das wirklich das, was sich langfristig bewährt? Die Motivation und Fähigkeit gut zu lernen stärkt, Interesse am Fach weckt, Kinder zu sozialen, respektvollen Menschen macht?
Übrigens bin ich mit der Klassenlehrerin vom Kind sehr glücklich. Sie tut im Rahmen der Möglichkeiten ihr Bestes.
Es gibt tolle Ausflüge (zur Stärkung der Klassengemeinschaft waren sie z.B. bei einem "Managertraining" in einem Kletterpark), Thementage, Themenwochen, sie gestaltet den Unterricht so kindgemäß wie möglich, legt immer wieder Bewegungsrunden ein - kümmert sich also sehr um die Bedürfnisse der Kinder.
Sie droht und schimpft wohl auch nicht (sagt zumindest Tochter so), es gibt wenig Hausaufgaben, sie ist bei allen Kindern beliebt und bekannt dafür "eine gute Lehrerin" zu sein.
("Was? Ihr habt Frau F.? Ihr glücklichen...).
Allerdings hatte sie - etwa mein Alter, also so um die 40 - vor einiger Zeit auch schon ein Burnout und war ein Jahr lag krank geschrieben.
Ist es nicht schade und sich auch ein Fehler des Systems, dass so engagierte und offensichtlich beliebte UND gute Lehrerinnen innerhalb des Systems so schnell ausbluten? (Sie ist ja bei Weitem nicht die einzige...)
Alles in allem bin ich mit der Schule meiner Tochter recht zufrieden, wie die meisten hier.
Alle tun ihr Bestes im Rahmen des Machbaren. Das "Klientel" ist wohl auch ein ungewöhnlich Gutes. (Speckgürtel der Großstadt, hier wohnen viele wohlhabende Akademiker)
Es liegt also sehr viel an den "Mitwirkenden" die sich in dem Rahmen bewegen.
Aber trotzdem - es geht besser! Ich persönlich glaube schon, dass der Rahmen nicht der Beste ist.
Und das sagen auch viele Lehrer selbst.
Allerdings schieben sie es - sicher nicht ganz ungerechtfertigt - durchaus AUCH auf die Eltern und die Gesellschaft. (Siehe zu wenig Bewegung, zu viele Medien, zu wenige soziale Erfahrungen)
Ich denke aber, es wäre durchaus möglich, im Rahmen der Schule diesen Entwicklungen, die sich wohl eher schwer an andere Stelle ausmerzen lassen (Wie soll das aussehen? Autos verbieten? Medien abschaffen?), besser Rechnung zu tragen, als es momentan passiert.