Hallo ihr Lieben,
Ach hätte ich doch mehr Zeit hier mit zu diskutieren... Es ist so interessant mit zu lesen.
Rabaukenmama hat geschrieben:
Wir (damit mein ich alle, die an dem bestehenden System was verändern WOLLEN) haben 3 Ebenen auf denen wir agieren können.
Meiner Erfahrung nach gibt es da kein einheitliches Wir. Jeder will doch was anderes, hat andere Vorstellungen und je mehr Menschen sich zusammen tun um etwas auszuarbeiten, um so komplizierter wird es einen gemeinsamen Nenner zu finden.
Rabaukenmama hat geschrieben:
Die erste ist die Familienebene. Koschka ist ein Beispiel dafür, sie unterrichtet ihre Kinder selbst. Sie bestimmt wann Unterricht ist und was gelernt wird. Und solange die Kinder der Anforderungen erfüllen, sprich: die Externistenprüfungen positiv bestehen, hat sie freie Hand.
Ich gehöre auch zu denjenigen, die glauben, jeder sollte für seine Familie das wählen können, was am besten passt. Man sollte sich nicht scheuen, seine Kinder in ein anderes Schulsystem zu stecken, wenn das öffentliche nicht passt. Allerdings, es gibt genug Menschen, die sich das echt nicht leisten können, vom Zeitaufwand her, finanziell, intellektuell ist es auch nicht jedem möglich,...
Rabaukenmama hat geschrieben:
Die zweite Ebene ist die Ebene der Schule, die das eigene Kind aktuell besucht. In fast jeder Schule gibt es einen Elternverein, wo man sich engagieren und einbringen kann. Je mehr Eltern auf aktuelle Mißstände oder Ungereimtheiten hinweisen desto besser und desto weniger kann es ignoriert oder als spleen abgetan werden. Dazu ist immer wieder Kommunikation und Fingerspitzengefühl wichtig. Hier ist auch Mut erforderlich. Eltern, die befürchten, das eigene Kind könne durch das elterliche Engagement schulisch benachteiligt werden, können nie so frei argumentieren und agieren wie angstfrei kommunizierende Eltern.
Ach ja, der Elternclub.

Aus Sicht einer Lehrerin muss ich sagen, dass das hier bei uns, sowohl an der Schule in der ich unterrichte, als auch an der Schule, die meine Kinder besuchen, gar nicht so funktioniert, wie du es beschreibst. Das Beste, was die Elternclubs an beiden Schulen fertig bringen, ist, zu helfen das Schulfest am Ende des Jahres zu organisieren, und zur Nikolausfeier Tüten mit Süßkram füllen und austeilen. Und jeder in diesem Club hat andere Vorstellungen davon, was es an Mißständen gibt, wegen denen an der Schule an der ich unterrichte dann viel geschrien, und wenig vernünftig diskutiert wird.

Woanders ist es bestimmt anders.
Rabaukenmama hat geschrieben:
Die höchste Ebene ist die der Gesetzgebung und Lehrpläne. Hier können sich alle, die daran Interesse haben, in Vereinen zusammenschließen, Punkte, die zu geändert gehören, ausarbeiten, Anträge bei jeweiligen Stadt- oder Landessschulrat stellen usw.
Vor rund 10 Jahren wurde bei uns "das neue Schulgesetz" erarbeitet. Es wurde umgestellt auf Zyklen anstatt Jahre und es wurde ein Kompetenzorientierter Unterricht eingeführt. Und der Lehrplan wurde überarbeitet. Es gab massenhaft Versammlungen für Eltern, für Lehrer, jeder durfte seine Meinung sagen und wurde gehört. Dann ging es ans Ausarbeiten. Und da saßen dann die Angestellten des Ministeriums zusammen mit der Ministerin an einem Tisch. Und jeder der es wagte, denen und ihren Ideen und sei es noch so höflich zu widersprechen, wurde in den Boden gestaucht. Am Ende konnte man klar unterscheiden zwischen Arschkriechern (sie fanden alles gut, sagten zu allem ja und freuten sich auf ein persönliches Gläschen Sekt mit der Ministerin) und Würmern (sie zogen die Köpfe ein, trauten sich nicht mehr den Mund aufzumachen und gingen nach Hause). Gegen Politiker, gegen "die da oben" kommt man halt nicht an. Zumindest hier nicht, woanders mag es anders sein.
Nun haben wir Kompetenzbewertung in den Zeugnissen, die kein normaler Mensch versteht, und nach denen die wenigsten Lehrer arbeiten, auch der neue Lehrplan ist kaum zu verstehen und die einzelnen Kompetenzen bauen auch nicht wirklich aufeinander auf. Gekämpft haben unsere Gewerkschaften schon, und mit Streik gedroht. Aber dafür gibt es dann auch kein Verständnis, wenn "diese faulen Säcke" auch noch nicht einversatnden sind, mehr zu arbeiten usw...
Naja, frustrierend ist es schon, wenn man klar sieht, dass man Unsinn unterrichten muss, und man muss es trotzdem tun. Ich arbeite ja zur Zeit nicht, und mein Mann frustriert schon nicht schlecht. Bei unserem Sohn wurde nun als Projekt ausprobiert, ob man Druckschrift, dann Schreibschrift nicht auch durch eine Schrift ersetzen kann, die sie Grundschrift schimpfen. Mein Mann war sofort begeistert und wollte das in seiner Klasse auch sofort nutzen, denn die Zeitverschwendung die es kostet die 2 Schriften zu lehren... Er hat es bei seiner Vorgesetzten angefragt. Resultat: Nein! Da es bei meinem Sohn an der Schule ein Projekt ist, darf sonst niemand damit experimentieren. Bei sowas banalem wie der Schrift? Die später sowieso keine Rolle mehr spielt? Wie soll man da was geändert bekommen? Dazu kommt noch, dass es scheinbar immer mehr Kinder mit immer mehr Problemen gibt, gegen die man auch nicht ankommt, und ein bisschen Privatleben mit eigenen Kindern, und man stößt an seine Grenzen der Belastbarkeit und es bleibt keine Energie mehr für Auflehnung! Von den 16 Schülern die mein Mann dieses Jahr hat, sagt er, werden 8 später ihren Weg gehen - von Lehre bis Unidiplom. Die anderen 8 sind verloren. Die werden kaum lesen und schreiben und rechnen lernen. Und es ist keine Zeit/keine Mittel seitens der Schule/kein Interesse seitens der Eltern da, die Kinder durchzutesten um herauszufinden wo genau die Probleme liegen. Da müsste sich unsere Gesellschaft von Grund auf ändern. Und das passiert nicht von oben, sondern von unten. Aber das dauert. Das geht nicht vo heute auf morgen.
Sorry Rabaukenmama, dass ch nun gerade deinen Text auseinandergenommen habe, ich würde gerne noch vieles hier genauer lesen und meinen Senf dazu abgeben, aber ihr seit so schnell und meine Zeit am Computer ist arg begrenzt.
LG,
Willow77